Ja, is’ denn schon Sommerloch?

Mit diesem Thema bin ich zwar etwas spät dran, da ich in den letzten Tagen nach Feierabend blogunlustig war, aber nichtsdestotrotz ist das Ganze so irrsinnig, dass ich meinem Blog diesen Inhalt unmöglich vorenthalten kann. Es geht um den Gastkommentar von Ansgar Heveling im Handelsblatt. Wer ist der Mann mit diesem schönen Namen? Ein CDU-Hinterbänkler, der im Jahre 1972 geboren wurde, was ich zunächst nicht für möglich gehalten habe, denn in dem Alter sollte man doch eigentlich nicht so sehr auf Kriegsfuß mit der virtuellen Welt stehen? Aber schauen wir uns mal auszugsweise an, was Herr Heveling zum Besten gibt (für den kompletten Geniestreich des Wahnsinns bitte zum Handelsblatt klicken).

Es ist der Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben. Während die „digital natives“ den realen Menschen zum Dinosaurier erklären, vergessen sie dabei, dass es sich bei dieser Lebensform um die große Mehrheit der Menschen handelt.

Aha! Die “digital natives” sind also keine realen Menschen. Das dachte ich mir! Es handelt sich hierbei nämlich um Krötengeneräle, Monster, Dampfer, autarke Hirnklumpen, FDP-Zombies und Sigmar Gabriel (Facebook-Seite beachten). Von realen Menschen keine Spur, nirgends.

Das ist die Gelegenheit, schon jetzt einen vorgezogenen Nachruf auf die Helden von Bits und Bytes, die Kämpfer für 0 und 1 zu formulieren. Denn, liebe „Netzgemeinde“: Ihr werdet den Kampf verlieren. Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.

Digitales Blut? Wie öööde. Da hat die Menschheit in ihrer Geschichte so viele Tonnen echtes Blut vergossen, das hat sich doch wohl bewährt, nun kommen Sie mit so einem virtuellen Scheiß. Und die Waffenindustrie? Hallo? Auch mal an die Arbeitsplätze denken, nech? Und die christlichen Würdenträger, die immer so schön die Kriegsgeräte segnen — das ist doch wichtig. Digitales Blut, da kann ich ja gleich Tomaten-Ketchup auf den Monitor schmieren oder Stirb langsam Teil 352 gucken.

Ich kann allerdings nicht mitkämpfen. Ich habe “Rücken” wegen einer Umräumaktion. Außerdem sehe ich Blut nicht so gern. Vielleicht hilft ja der Krötengeneral mit seinen zwei Soldaten aus.

Fachfrage: Geht virtuelles Blut aus virtuellen Teppichen raus? Ich frage für eine digitale Room cleaning managerin (früher: Putzfrau).

Auch wenn das Web 2.0 als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation schon bald Geschichte sein mag, so hat es allemal das Zeug zum Destruktiven. Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!

Ich bin Mitglied einer verlorenen Generation? Oh. Und mein Lebensgefühl ist bald Geschichte? Das ist ja nicht so gut, irgendwie. Ich mag mein destruktives Lebensgefühl, auch wenn ich hier mittlerweile Ansätze des positiven Denkens zeige. Das kann einem allerdings bei Politikern wie Ihnen vergehen. Sind denn die Abzockerabmahnanwälte in Ihren Augen auch Wächter unserer bürgerlichen Gesellschaft? Geldgier ohne Leistung und auf Kosten anderer ist doch in unserem Land okay, das habe ich richtig verstanden, nicht wahr? Immerhin haben wir ja auch die FDP mit an der Regierung.

Sie [Die Idee des geistigen Eigentums] ist im Netz in Gefahr. Nicht weil Bits und Bytes aus sich heraus wie kleine Pacmans an den Ideen und Idealen unserer bürgerlichen Gesellschaft knabbern würden. Nein, es sind die Menschen, die hinter den Maschinen sitzen und eine andere Gesellschaft wollen.

Wie bitte? Jetzt sind wir auf einmal doch Menschen? Wie kommen wir denn zu der Ehre? Womit haben wir das verdient? Ich hatte wirklich die kleinen Pacmans in Verdacht. Und diese Tetris-Klötzchen! Das sind auch ganz fiese Bits und Bytes! Von diesem Klempner Mario ganz zu schweigen! Kennen Sie noch Space Invaders und Bildschirm-Tennis? Die hatten auch null Ahnung von den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft. Weiter im Text, bitte.

Die die totale Freiheit apostrophieren und damit letztlich nur den „digitalen Totalitarismus“, wie es Jaron Lavier genannt hat, meinen. Es ist eine unheilige Allianz aus diesen „digitalen Maoisten“ und kapitalstarken Monopolisten, die hier am Werk ist. Auch wenn sie sagen, sie seien die Guten – nur weil man sagt, man sei gut, ist man es noch lange nicht.

Da, wo digitale Maoisten (jetzt doch wieder keine Menschen oder wie oder was?) und kapitalstarke Monopolisten Hand in Hand arbeiten, ist Unheilig nicht weit weg und singt uns ein Liedchen:

 

“Der Himmel zeigt sein rotes Kleid.” Maoismus, ganz klar. Apropos, nur weil man sage, dass man gut sei usw.: Da hab ich ja Glück, dass ich nie gesagt habe, ich sei eine gute Weltherrscherin. Brillant, das ja. Gut ist mir eh nicht gut genug. Aber zurück zum wirren Kommentar. Haben Sie uns noch mehr zu sagen? Ja? Oh, tolltolltoll!

Nun haben Wikipedia und Google in den letzten Tagen ihren starken Arm gezeigt. Doch Googles und Wikimedias dieser Welt, lasst euch zurufen: Auch wenn Wikipedia für einen Tag ausgeschaltet ist und Google Zensurbalken trägt, ist das nicht das Ende des Wissens der Menschheit. Welche Hybris! Lasst euch gesagt sein: Das Wissen und vor allem die Weisheit der Welt liegen immer noch in den Köpfen der Menschen. Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch!

Spätestens, seitdem ich Ihren Gastkommentar las, beschleichen mich Zweifel an der Behauptung, dass die Weisheit der Welt in den Köpfen der Menschen liege. Für alle kann das nicht gelten. Oder sie liegt da tatsächlich, schläft aber tief und fest. Mal was anderes: Sind Sie auch so ein Mensch, der anderen Menschen nur dann Bildung zutraut, wenn sie gebundene Bücher besitzen? Dieses “gebunden” scheint Ihnen wichtig zu sein? Kommt nun als nächstes, nachdem Sie versucht haben, das Web 2.0 in die Versenkung zu schreiben, eine Philippika gegen Taschenbücher? Aber nicht wieder was von verbrannter Erde schreiben, Brennen und Bücher, das ist keine gute Kombination, in Deutschland schon mal gar nicht, doch so ein Missgeschick in Zusammenhang mit Büchern wird Ihnen als geschichtsbewusster Politiker sicher nicht passieren.

Natürlich verändert die fortschreitende Digitalisierung unsere Gesellschaft. Vieles wird einfacher. Auch dieser Text ist mit Hilfe der Errungenschaften der Digitalisierung entstanden. Aber wir sollten uns zu wehren beginnen, wenn einzelne Menschen hinter den vielen Maschinen uns unsere Lebensentwürfe vorschreiben. Noch ist es dazu nicht zu spät.

Und nun sind es auf einmal doch wieder Menschen. Das ist ja wohl wie mit dem Gänseblümchenblütenzupfen. “Er liebt mich… Er liebt mich nicht… Mensch… Nichtmensch… Mensch…” Und wenn Sie einfach mal ein Los ziehen und dann dieser Linie treu bleiben würden? Immerhin sind es dieses Mal nur einzelne Menschen, die hinter den vielen, vielen Maschinen sitzen. Ich sitze hier in Wahrheit auch vor 12.782 Rechnern, die ich dazu nutze, Blogs zu schreiben, um den Menschen meinen Lebensentwurf aufzuzwingen: Lange schlafen! Caipi nur in XXL-Gläsern! FC Bayern in die Kneipenliga! So was eben. Uppsi, nun habe ich mich verraten.

Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben.

Natürlich soll auch keinem Hinterbänkler verboten werden, ein Sommerloch im Winter stopfen zu wollen. Nur sollte man auch das erst recht nicht zum politischen Programm erheben.

Jetzt haben wir noch die Zeit, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz am Herzen liegen.

Allein schon…! Erst mal klären Sie bitte Ihre Wähler auf, dass Citoyen nicht diese Automarke ist. Ansonsten geht der Schuss nämlich ganz schnell nach hinten los, alle kaufen diese französischen Autos, und die deutschen Fahrzeuge bleiben festgeklebt wie Wulff im Bellevue in den Verkaufsräumen stehen. Wollen Sie das? Erst versuchen Sie, unsere Kanonenindustrie zu schwächen, nun auch noch die Autofabrikanten. An Ihrer Stelle hätte ich so langsam mal ein bisschen Angst vor der FDP. Gegen Hotels haben Sie aber hoffentlich nichts? Obwohl es da oft W-LAN gibt und sich Menschen — oder eben andere Kreaturen — ins Internet einwählen können, um dort ihr Unwesen zu treiben.

Tja, da ist ja wohl jemand ACTA-Fan. Warum nur habe ich das Gefühl, dass Freiheit und Demokratie jemandem nicht so am Herzen liegen wie das Eigentum und vor allem die Gewinne der großen Medienkonzerne? Aber das ist bestimmt nur meine destruktive Denkweise. Aus Versehen habe ich wohl auch schon Polen damit angesteckt. Das tut mir echt voll doll leid…

Mehr Infos zu ACTA:

FAQ
Stopp ACTA
Polen setzt Ratifizierung aus

Es ist schon klar, dass Künstler nicht für lau arbeiten wollen und können, aber das, was in dem Gesetz steht, würde die Internetkultur zum Negativen verändern und die Provider vermutlich dazu bringen, im Zweifelsfall lieber einmal mehr als zu wenig sperren… Es ist ja schon heute nicht so, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist, wie manche immer noch unverdrossen behaupten.

Kopfschüttelnd werde ich nun erst mal einen Happen essen gehen. Obwohl ich nur ein digital native bin, komme ich seltsamerweise ohne Nahrung nicht über die Runden.