Am Abgrund

 

So nenne ich das neue Meisterwerk der anonymen WC-Künstlerin in der Anstalt. Warum, das wird sich Euch sofort erschließen:

2014-11-18 16.43.44

Menschen ohne Kunstverstand würden hier nur einen Toilettenrollenpappkern, der auf einem Toilettenpapierhalter abgestellt wurde, sehen. Aber solche Menschen lesen hier ja nicht.

Die Nahaufnahme zeigt das Kunstwerk in seiner ganzen Dramatik:

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Doch warum steht dieser Toilettenpapierrollenpappkern am Abgrund? Ein PEGIDArmleuchter begründet es so: „Das ist Deutschland, welches von der drohenden Islamisierung in den Abgrund gerissen wird.“

Ein St.-Pauli-Fan meinte: „Schluchz. Mein Verein.“ (Gerade noch mal gutgegangen.)

Ein HSV-Fan… Ach, Ihr wisst schon, keine Mannschaft kann so nervenzerfetzend am Abgrund spazierengehen…

Das letzte FDP-Mitglied, ein gewisser Herr L., der mit der Interpretation, dass es sich um seine Partei handele, konfrontiert wurde: „Niemals! Das Gebilde ist nicht blau-gelb!“

Ähnliche Aussage von der sich zurzeit selbst zerlegenden (gut so!) AfD.

Sprich, wir wissen es nicht, denn wir wissen nichts über die Künstlerin. Denkt sie politisch? Ist sie womöglich ein Fußballfan? Oder nimmt sie Bezug auf die Rote Liste? Den Roten Knopf?

Was auch immer es sein mag: Selbst in dieser erschütternden Aussage des Werkes findet sich Schönheit, die ihresgleichen sucht, aber nicht finden wird:

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Dieser Faltenwurf! Diese Dynamik!

Ich lasse Euch nun mit diesem Kunstwerk allein, damit Ihr es einige Stunden lang andächtig bewundern könnt. Danach bitte ich um Eure Gebote für ein Foto, leider unsigniert. Ich akzeptiere auch Limetten als Zahlungsmittel.

Für neue Mitleser: Diese Kunstwerke finde ich wirklich in genau der Form in den Räumen unseres Abteilungs-WCs vor. Ich habe daran nichts verändert, ich habe lediglich die Ehre, diese epochalen Meisterwerke fotografisch für alle Kunstfreunde festzuhalten.

 

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40 Kommentare zu “Am Abgrund

  1. Un.glaub.lich!!!
    Ich bin ganz erschüttert von dieser gleichzeitig an- und aufrührenden Linienführung. Besonders tief rührt mich aber Schattenwurf des Kunstwerks auf dem letzten Foto. Hier das verborgene Selbstportrait der Künstlerin zu entdecken, war eine außerordentliche Leistung auch von Dir, Katrin! Seht Ihr es auch, wie sie, kleinformatig zwar, aber deutlich erkennbar, an der Wand lehnt, ihre rechte Seite uns zugewandt, gesenkten Kopfes, die Strähnen ihres mittellangen, ungebändigten Haares vor dem Gesicht hängend und in den Abgrund weisend. Hach, wie bedeutungsschwanger, wie … berauschend!
    Da bleibt mir nur zu sagen: Hurz, Hurz und nochmal Hurz!!!
    Wie liegt eigentlich aktuell der Eintrittspreis für die Anstalt, wenn solch gewaltige Kunst ausgestellt wird?

    • So ging es mir auch! Ich stehe selbst immer mind. 2 Stunden ergriffen vor diesen Kunstwerken, bevor ich überh. in der Lage bin, diese abzulichten! Knipsen kommt mir in Angesicht dieser Kunst so profan vor.
      Der Eintrittspreis für diese Kunst ist gewaltig: Man muss der Anstaltssekte beitreten, sprich, sich einstellen lassen. Nur mit Geld geht da gar nix! Da bekommt der Satz von Kunst, die wehtun muss, eine ganz neue Bedeutung…

  2. Liebes Felli,
    endlich mal wieder WAS aus der Anstalt, ich dachte schon, es gefällt dir dort nicht mehr 🙂
    Aber wenn es nun auch Kunstausstellungen dort gibt, da ist ja ein Hingehen die Pflicht eines jeden Bürgers!
    Danke, dass wir daran teilnehmen dürfen.
    Liebes Wuffi Isi,
    mit Grüßen von Heidi für dich,
    und Schlabberbussis von mir für Socks & Nelly

    • Liebe Isi,
      doch, doch, ich liebe die Anstalt nach wie vor… Welcher Arbeitgeber schafft eine derart traumhafte Umgebung für große Künstler? Das gibt es kein 2. Mal.
      Noch 6 Tage…
      LG und viele Bussis von den 2

  3. Fast wäre ich in Versuchung gewesen, den Zipfel vom Kunstwerk zu ergreifen… Und herunter zu ziehen. Doch ich las gerade rechtzeitig, es ist ein Kunstwerk… Die darf man ähhh Hund nicht kaputt machen. War da nicht mal ne Badewanne-ein Kunstwerk, welches geputzt wurde? Lach
    Wuff Tibi

    • Leider werden diese Kunstwerke von übereifrigen Cleaning-Service-Managerinnen zerstört…
      Oh, Du nennst die Künstlerin in einem Atemzug mit Beuys, welch eine Ehre — für Beuys! 😉
      Die Wanne wurde ja von zwei SPD-Politikern geschrubbt, weil sie einen Behälter zum Gläserspülen (!!!) gesucht hatten. Kunst können die Sozis also auch nicht…

  4. Wow, was für Abgründe sich doch da auftun, wenn man dieses Kunstwerk richtig interpretieren will. Alles gar nicht so einfach, muss ich sagen. Leider ist mein Taschengeld schon wieder alle und Limetten habe ich auch nicht gefunden, so kann ich nicht mitbieten.

    Wuff-Wuff dein Chris

    • Es ist wirklich nicht einfach, diese Werke zu interpretieren, sie sind so vielschichtig und facettenreich! Ich habe schon große Kunstkenner sprachlos niederknien sehen!
      Knuddelgrüße von Deiner Monstermeute

  5. Da ich auch in einer Anstalt meine Brötchen verdiene, kann ich bestätigen, dass auch bei uns solch Kunstwerke geschaffen werden.
    Leider kann ich Banausin nicht so wunderbar beschreiben wie Du. Die Dramatik, die der Installation inne wohnt, hätte ich glatt übersehen.

  6. Ich finde nun zum wiederholten Male an der Stange zum Aufrichten, den echten Kern einer T-Papier-Rolle. Und ich weiß, dass ich mich nachher daran hochziehen muss. Also Kern in den Abfall, und wieder freie Hand.
    Aber hier, so am Rande, absturzgefährdet, sehr bedenklich.
    Ich biete eine neue Klorolle !!!

  7. Am Abgrund. Ein treffender Titel, der daran erinnert, dass echte Kunst immer am Abgrund steht, immer knapp am Scheitern vorbei. Ein mutiges Werk. Ohne jede modische postmoderne Ironie sagt es uns: Das ist doch alles Scheiße. Und ein Knopfdruck und man ist weg. Zentrales Element, wie alle hier erkennen, ist der Faltenwurf. Er scheint zu rufen: Schon die Künstler der Renaissance haben ihre Meisterschaft durch die Gestaltung der Falten bewiesen! Seht mich an: Weit gebracht! Die Wicklung weist auch darauf hin, dass man mit jeder Deutung näher an den Kern eines Kunstwerkes kommt, tiefer und tiefer. Bis der Kern der Kunst bleibt: eine leere Papprolle.
    (Ich hätte gern ein Foto)

    • Genauso ist es! „Alles Scheiße“ im Zusammenhang mit der AfD, und übrig bleibt nur intelligenzfreie Pappe, und am Abgrund tanzen wir letztendlich alle…
      Welches Foto möchtest Du? Ich lasse es drucken und werde es Dir zuschicken, doch, doch, so was bringe ich wirklich fertig. 🙂

  8. Die anonyme Künstlerin scheint das Los so vieler wahrer Meister teilen zu müssen:
    Sie kann von ihrer Kunst nicht leben und muss zum Broterwerb einer profanen Tätigkeit nachgehen.
    Generationen später wird man von ihren epochalen Werken berichten,nicht ohne darauf hinzuweisen,dass die geniale Schöpferin,die ihrer Zeit weit voraus war,von ihrer ignoranten Umwelt gezwungen wurde ,ihren Lebensunterhalt mit Putzen zu verdienen und dass nur wenige wahre Kunstkenner,wie die spätere Weltherrscherin den Weitblick hatten, ihre Werke gebührend zu würdigen.

    Die langohrigen Chaoten schicken Grüße an die puschligen Chaoten und wir alle wünschen für den morgigen Befreiungsschlag alles Gute!

    • So ist es! Die arme Künstlerin kann einem leid tun, nun ist es ja so, dass das MoMA schon angefragt hat, aber sie lässt meine entsprechenden Hinweise auf Post-Its im Damen-WC unbeantwortet. Vielleicht WILL sie eine arme Künstlerin sein, fürchtet um ihre Schaffenskraft, sollte sie berühmt, reich, satt und dekadent werden?
      Liebe Grüße und von meinen beiden Chaoten viele Bussis und Rempler

Ehrerbietungen hier rein, bitte ;-)

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