Leseeindruck: “Heute wär ich mir lieber nicht begegnet” von Herta Müller

 

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Worum geht es?

Eine Frau wird im Rumänien Ceaușescus immer wieder zum Verhör einbestellt. Herta Müller schildert eine Zugfahrt zum verhörenden Major und erzählt in Rückblenden einiges aus der Vergangenheit der Frau und vom Leben in der rumänischen Diktatur. Jedes noch so kleine Glück wird durch die Diktatur früher oder später zerstört.

Herta Müller bekam 2009 den Literaturnobelpreis verliehen, seitdem hatte ich mehr oder weniger im Hinterkopf, mal etwas von ihr zu lesen. Vor einigen Monaten kam Dergl auf das Thema zu sprechen, ich weiß natürlich nicht mehr, in welchem Zusammenhang (Monstersiebgedächtnis), nutzte aber die Auffrischung, um einige Bücher auf meine Wuli zu packen. Eine Freundin bewies guten Geschmack und schenkte mir das Buch.

Wie hat es mir gefallen?

Sehr gut. Es ist natürlich ein bedrückendes Thema, aber die Schilderungen sind überwiegend unblutig, nichtsdestotrotz geht es ohne seelische Grausamkeiten nicht, es ist beeindruckend, wie Herta Müller diese bleiernen Zustände mit ihrer ganz besonderen Sprache beschreibt. Sie hat eine sehr vielfältige Art, mit der Sprache umzugehen, von poetischen Formulierungen bis hin zu Schilderungen mit teils derber Wortwahl. Ein Buch, in dem man viele Sätze zwei- oder dreimal liest. Ich zumindest. Es kann nicht schaden, sich vorher ein bisschen mit der rumänischen Geschichte zu beschäftigen. Ich hatte noch einige von den Ereignissen, die im Dezember 1989 geschahen, in Erinnerung, inklusive Fluchtersuchs des Ehepaars Ceaușescus mit anschließendem Schauprozess und der Hinrichtung durch Erschießen. Wenn man bedenkt, welchen abartigen Personenkult die Ceaușescus betrieben haben und wie die Bevölkerung unterdrückt wurde, nachvollziehbar…

Ohne Zörgern 5 XXL-Caipigläser, sicher nicht das letzte Buch, das ich von Herta Müller gelesen habe, Achtung, ganz einfache Kost ist das nicht. Lohnt sich aber!

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Lieblingscharaktere

Mir war Paul sympathisch, trotz… ach, ich will nicht zu viel verraten.

Zitat

Ich wüsste gern, ob bei anderen Leuten das Hirn für den Verstand und für das Glück zuständig ist. Bei mir reicht das Hirn nur, um ein Glück zu machen. Um ein Leben zu machen, reicht es nicht. Jedenfalls nicht, um meines zu machen. Mit dem Glück habe ich mich abgefunden, auch wenn Paul sagt, dass es keines ist.

Das Cover

Ein am Boden (?) liegender Maiskolben. Wirkt trist, passt schon, obwohl ich etwas anderes als Motiv genommen hätte, einen Fluss oder einen Stein vermutlich.

Zahlen, Daten, Fakten

Erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag (warum verzichten selbst Verlage auf Bindestriche, wo eigentlich welche hingehören, zumindest dem Taschenbuch Verlag hätten sie doch einen spendieren können?), 240 Seiten.

Erfüllte Aufgabe

Nr. 6: „Ein Buch, das Dich traurig oder nachdenklich gemacht hat“

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13 Kommentare zu “Leseeindruck: “Heute wär ich mir lieber nicht begegnet” von Herta Müller

  1. Dieses kenne ich nicht, aber ich habe mehrere von Herta Müller gelesen und war auch sehr beeindruckt, besonders von „Der König verneigt sich und tötet“. Es ist eine ganz fremde, bedrückende Welt, die da geschildert wird …

  2. Ich habe mich bisher nicht an Herta Müller gewagt, weil ich mal in einer Rezension gelesen habe, „Atemschaukel“ sei kaum lesbar. Hmm. Vielleicht sollte ich mich doch mal ranwagen. 😉

      • Wenn ich mich einklinken darf, weil nettebücherkiste „Atemschaukel“ erwähnt und Fellmonsterchenn mich. „Atemschaukel“ ist zwar thematisch hart (aber das ist Müller immer, wenn man mit der Ecke geografisch oder kulturell nichts zu tun hat), aber noch relativ leicht lesbar, das dürfte ich damals auch gesagt haben. Wenn eine/r mit dem Thema nicht kann (Deportation und Trauma dadurch), dann ist es natürlich kaum lesbar. Überhaupt muss man sich bei Müller auf Traumata einlassen, dazu gehört der Stil einiger Bücher. Es gibt viele, die auch mit dem Buch nicht zurecht kommen, aber es ist noch einfach und da auch Menschen ohne Bezug zu Siebenbürgen (woher der Protagonist stammt) und Rumänien sich durchaus was unter einem Lager vorstellen können sogar noch zugänglich. Schwieriger wird es bei meinem Liebling „Herztier“ (der ist wirklich für viele nicht lesbar, keine eigentlich Romanform, keine Kapitel, viel hin und her gesprungen und sprachlich eben verschachtelt) oder „Der Fuchs war damals schon der Jäger“.

  3. Liebes Felli,
    du weißt ja,
    ICH lass ANDERE für mich lesen 🙂
    Liebes Wuffi Isi,
    die dicke Schlabberbussis für die WEZ Hündchen schickt.

    • Liebe Isi,
      das ist verdammt schlau, natürlich hast Du als Star Deine eigene Vorleserin. Vorleserin, Vorkosterin, was man halt alles so braucht als Star oder auch als Weltherrscherin…
      Die beiden WEZ-Wölfchen schicken ganz viele Schlabberbussis zurück

Ehrerbietungen hier rein, bitte ;-)

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