Leseeindruck: “Hammelsprünge – Sex und Macht in der deutschen Politik” von Ursula Kosser

 

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Worum geht es?

Treffen sich vier Politik-Journalistinnen, um in Erinnerungen zu wühlen – so in der Art kann man sich dieses Sachbuch vorstellen. Vor allem die 80er in Bonn werden ins Visier genommen.

Das Buch ist nicht halb so boulevardesk, wie der Untertitel befürchten lassen könnte. Mit Namen wird diskret umgegangen und nur wenige genannt. Bei einigen könnte man vielleicht anhand der Umschreibungen erahnen, um welche Politiker es ging, dazu bräuchte man aber wohl ein gutes Gedächtnis. Ich konnte damals zwar die Namen aller Minister runterbeten, aber heute würde ich nicht mal mehr die Hälfte der Namen auf die Reihe bekommen. Der Hammelsprung, so viel weiß ich aber noch, ist ein Abstimmverfahren, bei denen die Abgeordneten je nach “dafür”, “dagegen”, “ist mir doch schietegal” durch die entsprechende Tür latschen. Also ein hochpolitischer Titel.

Was der Leser erfährt, war zumindest für mich nicht allzu überraschend, aber ich bin ja auch schon älter und Mitte der 80er ebenfalls ins Berufsleben eingestiegen.

———————— monstermäßige Abschweifung ————————

Oja, lass mal wieder abschweifen! Damals in der Anstalt, es war Ende der 80er, arbeitete ich als Springerin. Nein, nicht als Walking Act in einem lebensgroßen Schachspiel, sondern an verschiedenen Arbeitsplätzen, wo Not an der Arbeitskraft war, sei es aus urlaubs- krankheits- oder Berge-von-Arbeit-Gründen. Eine der Gruppen, der ich damals schwerpunktmäßig angehörte, bestand aus 3 Frauen und vier Männern. Der Gruppenleiter war so richtig vom alten Schlag, zwei weitere waren auch schon so um die 60, einer war ca. Mitte 40. Damals war es Usus, dass die Frauen den Kaffee kochten und – ja, wirklich, ich veräppele Euch nicht! – auch in die Tassen gossen und an die jeweiligen Schreibtische brachten. Eine der Frauen war so sehr mit dieser Aufgabe verwachsen, dass sie die Zeiten selten vergaß (es gab vormittags und nachmittags Käffchen). Sollte sie doch mal 5 Sekunden über der Zeit gelegen haben, genügte ein “Ich habe Kaffeedurst” ihres Gegenübers, um sie wie von 1000 Taranteln gestochen aufspringen zu lassen, laut “Kaffeekochen!!!” zu rufen, und mit Höchstgeschwindigkeit, die einen Usain Bolt erblassen lassen würde, mit der Kaffeekanne zum Wasserhahn zu rennen.

War diese Frau nicht da, waren da ja noch die beiden anderen Frauen oder zumindest eine. Doch eines Tages passierte, was irgendwann geschehen musste: Keine von den dreien war anwesend. Aber ich. Also bekam ich von dem Gruppenleiter, einem widerlichen Ekel, die Aufgabe übertragen.

Und Ihr kennt mich, ich bin immer, wirklich immer, vor allem, wenn es um widerliche Ekel oder sexistische Kotzbrocken (der andere ältere, nur der Mitte 40er war ein sympathischer Mann), bestrebt, das Wohlergehen solcher Persönlichkeiten aufrechtzuerhalten, weil ich nämlich eine ganz Liebe bin! Was tue ich also? Ihr kennt das alle, der Büroalltag ist ermüdend, diese trockene Luft in den Räumen, das Starren auf Monitore oder Karteikarten (hey, es waren die 80er und die Anstalt war schon damals nicht die modernste ihrer Art!) führt zu überlasteten Äuglein, was hilft da besser als so’n schöner Kaffee? Ein starker Kaffee? Ein verdammt noch mal richtig starker Kaffee!!!! Also nicht nur einen normalen Löffel Pulver pro Tasse (die Anstaltstassen waren übrigens recht klein), sondern ordentlich gut gehäuft. Und dann noch einen extra für den deutschen Kaiser, den die beiden älteren zwar knapp verpasst haben dürften, aber das Gedankengut waberte noch genug durch ihre Köpfe.

Abführmittel hatte ich nicht zur Hand, schlechte Vorbereitung, würde mir heute nicht mehr passieren, dabei weiß man ja um die träge Verdauung von Büromenschen durch das viele Herumsitzen. Ich hätte sonst mein medizinisch wertvolles Getränk noch weiter zum Wohle der Kollegen optimieren können. Aber so war es auch schon gut.

Warum ich danach nie wieder Kaffee zu kochen brauchte, weiß ich bis heute nicht.

Ich erinnere mich auch gern daran, wie der sexistische Kotzbrocken mich mal fragte, ob ich kochen könne, ich mit “nein” antwortete und er meinte: “Was machst Du denn, wenn Du mal einen Freund hast?” Was soll so eine Frage, hatte er Angst, ich würde meinen Freund aufessen? Roh? Ich barfe doch nur meine Hunde, nicht mich. Ich habe aber ganz lieb geantwortet, dass ich ihm empfehlen würde, selbst zu kochen.

An manchen Menschen sind die ‘68er (sind an allem Schuld, außer an den Sachen, an denen die Flüchtlinge schuld sind) echt spurlos vorübergegangen. Und komme mir bitte keiner mit “Respekt vor dem Alter”. Bis zu einem gewissen Grad, ja, natürlich, aber das ist keine Entschuldigung für ekelhaftes Verhalten. Und damit meine ich gar nicht mal diese Kaffeekocherei, sondern z. B. das Mobben, das von dem sexistischen Kotzbrocken gegenüber einer Kollegin betrieben wurde. Oder das menschlich häufig sehr fragwürdige Verhalten des Gruppenleiters gegenüber seinen Mitarbeitern.

———————— monstermäßige Abschweifung ENDE ————————

Kommen wir zurück zum Buch. Wir erfahren also nicht nur von untreuen Politikern, sondern auch von der herablassenden Art der Bonner Elite (sog.) gegenüber Frauen, vor allem, wenn sie noch jung sind. Wir lernen, falls wir es noch nicht wussten, dass da noch eine Menge Staub von den Gehirnen vieler Menschen gepustet werden musste. Und auch heute ist das Thema noch aktuell, wie #Aufschrei vor kurzem deutlich zeigte. Heute kommen Diskriminierung und Belästigungen in anderem Gewand daher, nicht mehr so altherrenhaft wie noch in den 80ern (außer von Relikten wie Brüderle), aber es gibt sie noch. (Und natürlich kann diese auch von Frauen ausgehen, da es aber häufig eine Konstellation von Macht und Abhängigen ist, und es noch nicht soooo sehr viele Frauen in Führungspositionen gibt, liegt der Fokus halt immer noch auf dem männlichen Geschlecht…)

Eingestreut in das Buch sind übrigens auch Erlebnisse von ehemaligen Politikern und Journalisten, es kommen also auch Männer zu Wort. Der Grundtenor des Buches ist nicht, dass alle Männer Schweine sind. Das ist auch richtig so, ich hasse Verallgemeinerungen. Das Buch bietet auch viele Informationen über die damalige Gesetzeslage und Frauenpolitik, es ist also kein Tratschbuch (na ja, manchmal schon ein bisschen Winking smile). Auch die beginnenden 90er kommen noch vor und Begegnungen mit einer gewissen Angela Merkel, damals häufig spöttisch als “Kohls Mädchen” bezeichnet, werden geschildert.

Wie hat es mir gefallen?

Es war wie gesagt für mich nichts wirklich Überraschendes dabei. Ehebruch, Alkoholismus, herablassendes Verhalten, das alles sind nun auch keine Attribute, die nur auf Politiker zutreffen, mag das Klima in Bonn, weitab von deren Familien, dafür auch günstig gewesen sein. Interessant wäre es mal, ein Buch von Journalistinnen zu lesen, die die heutigen Erfahrungen schildern. So ein “Sie füllen ein Dirndl gut aus”-Brüderle ist ja doch eher von gestern oder sogar vorgestern. Aber die Gleichberechtigung ist immer noch nicht erreicht. An den Themen Ehebruch und Drogensucht wird sich nicht sooo viel geändert haben.

Nichtsdestotrotz wird die Atmosphäre in dem Buch gut geschildert. Vermutlich gibt es zurzeit wichtigere Sachbücher, die man lesen könnte, aber wer sich für die Entwicklung der Frauen im Berufsleben interessiert, kann damit nichts verkehrt machen. Ich gebe 4 XXL-Caipigläser.

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Zitat

Heute mal kein Zitat, sondern ein Video, die Szene wird auch im Buch erwähnt.

Einerseits traurig, andererseits gerade von eingeschränkter Aufnahmefähigkeit zu reden, wenn man selbst eindeutig mindestens ein Glas zu viel intus hat, ist schon irgendwie ironisch…

Das Cover

Das Cover ist eigentlich farbig, ich habe es von meinem E-Reader abfotografiert, daher die Grautöne. Es ist passend.

Zahlen, Daten, Fakten

Erschienen bei DuMont, 256 Seiten in der gebundenen Ausgabe, die ich ja nicht besitze, aber ich möchte Euch ja nicht ganz ohne Seitenzahlen sitzen lassen.

Erfüllte Aufgabe

Nr. 15, ein Sachbuch oder eine Biografie.

So, aktuell nur noch ein Buch im Rückstand, und bald steht die EM vor der Tür, da werde ich auch nicht so viel Zeit zum Lesen haben. Das Monsterblog ist also vor zu viel Buchbloglastigkeit bestens geschützt.

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6 Kommentare zu “Leseeindruck: “Hammelsprünge – Sex und Macht in der deutschen Politik” von Ursula Kosser

  1. Solche Erfahrungen kenne ich glücklicherweise nur als der Familie (wo bei irgendwelchen Anlässen immer noch die Frauen selbstverständlich Geschirr spülen und die Männer sitzen bleiben). In meiner ehemaligen Anstalt war das Geschlechterverhältnis Frauen:Männer ungefähr 25:3 und die drei hatten wir gut erzogen 😉

    • Gutes Geschlechterverhältnis. 🙂
      Die Anstalt ist ein Maschinenbauunternehmen und total männlich geprägt, immer noch, wenn auch nicht mehr so extrem.
      Wobei ich das Hemdsärmelige, das so einem Industriebetrieb zueigen ist, gern mag, in einigem könnten die Herren allerdings fortschrittlicher sein… Aber so ist das, man kann nicht alles haben…

  2. So etwas geht als Sachbuch durch? Interessant! 😉 Aber ansonsten war es wirklich schön, mal wieder so einen monstermäßigen Beitrag zu lesen. Punkt.
    Anmerken möchte ich, wenn auch nicht wirklich kritisch, dass es konsequenter gewesen wäre, den Kaffee, mit einem entsprechenden Hinweis, NICHT zu kochen. Aber ja, ich verstehe, warum Du zur zweitbesten Lösung gegriffen hast. Generell bin ich immer genervt von diesen „typisch Mann, typisch Frau“ -Themen. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Bei uns gibt es solche Themen gar nicht; jeder macht selbstverständlich das, was gerade zu tun ist. Da ich meistens zuhause bin – und meine Artikel ja keine Arbeit sind ;), mache ich viel im Haushalt. Waschen, putzen etc.. Zwar nicht mit Begeisterung, aber nötig ist es ja. Kochen muss ich dafür nur sehr selten – doch mit Mann/Frau und Rollen hat das alles nichts zu tun. Gleichberechtigung ist keine Frage von Gesetzen und Verordnungen – es ist eine Frage der Geisteshaltung. Doch viele Menschen sind einfach dumm und/oder fühlen nur sich selbst verpflichtet. Anders wäre dieser ganze Wahnsinn ja gar nicht zu erklären: Kriege, Hunger, Vorurteile … und eben auch die sogenannten Rollen von Frau und Mann. In einer wirklich aufgeklärten und freien Gesellschaft gäbe es diese Themen oder Sorgen und Nöte (Krieg) gar nicht. Willkommen in Utopia 😀

    • Willkommen zurück in der Welt des Bloggens, Herr Geheimratsdunkelschlumpf!

      Die monstermäßigen Beiträge waren immer da, ICH habe ja nicht so eine etwas leicht überzogene Blogpause eingelegt wie gewisse andere Blogger. 😀

      Ich habe aber eine schlechte Nachricht für Dich: Sogar Sarrazinbücher gehen als Sachbuch durch. „Schund“ und „Hilfe, die letzte Gehirnzelle des Autors ist in die Toilette gefallen“ sind leider noch keine anerkannten Kategorien im Buchhandel. Ich arbeite dran. Sobald die Weltherrschaft klar ist, geht das los. 😈

      Das mit dem „Nichtkochen“ würde ich heute genauso machen, es wäre die beste Lösung gewesen, es gab zwei Gründe, warum ich das damals nicht so gehalten habe:
      Ich hatte nur einen Zeitvertrag und wollte doch so gern unbefristet für immer in der Anstalt bleiben. 🙂 (Ob das wirklich die richtige Entscheidung war, zweifele ich heute an, aber na ja, man weiß nicht, wozu es gut ist.)
      Ich war damals noch nicht so weit, man muss dazu wissen, dass ich ein extrem introvertierter, schüchterner Mensch mit reichlich Problemen war, der erst mal mühsam lernen musste, für eigene Überzeugungen einzustehen und nicht alles einem ungesunden Harmoniebedürfnis unterzuordnen und jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, weil er als Kind eine Überdosis von dem Zeugs abbekam. Mittlerweile klappt das aber recht gut, ich bin sogar schon aus Projekten geflogen, weil ich es wagte, anderer Meinung zu sein. (Und natürlich behielt ich im Nachhinein recht. Nicht etwa, dass ich überragende Intelligenz hätte, die habe ich nämlich leider nicht, ich denke nur gern gründlich über Sachverhalte nach, bevor ich mir ein Urteil bilde, aber das ist nicht gefragt, bis dahin haben Chefs in ihrer Rastlosigkeit schon drei dämliche Entscheidungen getroffen.)

      Diese Typisch-Frau-typisch-Mann-Sachen gehen mir auch sehr auf die Limette. Vermutlich kann ich deswegen auch so gar nicht über Mario Barth lachen, der dieses Thema ja immer und immer und immer wieder durchkaut… Leider gibt es aber diese Rollenverteilungen immer noch, man braucht dazu nicht mal in ein Spielwarengeschäft zu gehen (kann man aber — und sich fragen, warum man Kinder, egal, ob Mädchen oder Junge, nicht einfach frei entscheiden lässt, womit sie am liebsten spielen, anstatt „Jungs“- und „Mädels“-Gänge zu schaffen und in den Mädchenregalen ist dann auch noch mindestens 50 % pink…). Ich kenne Beziehungen, da erwarten die jungen Männer, dass die Frauen die Hausarbeit machen, teilweise sogar noch deren Hemden bügeln sollen — und die Mutter haut in die gleiche Kerbe, wirft den Frauen teilweise vor, sich nicht genug um ihren Schatzijungen zu kümmern. Im 21. Jahrhundert!!!!einsdrölf!!!1!!! Da torpedieren also sogar Frauen (Mütter) ein entspanntes Miteinander…

      Dein Utopia würde mir gut gefallen. Und überall würden puschelige Hunde rumwuseln. 🙂

  3. Liebes Felli,
    leider habe ich keine Zeit zum LESEN.
    Ich habe doch bis Sonntag meine Nachfolgerin Toni (Speedy aus dem Polizeiruf) zu Gast. Aber wenn du vier XXL Caipigläser vergibst, dann scheint das ok zu sein.
    Liebes Wuffi Isi,
    die schnell noch Schlabberbussis für die WEZ Wölfchen schickt.

    • Das Buch ist gut, es ist halt ein Sachbuch, nicht das geeignete für diese Hitze, Spannung und Unterhaltsamkeit sind in Sachbüchern ja oft nicht sooo stark vertreten (Ausnahmen gibt es natürlich).
      Viel Spaß mit der knuffigen Toni.
      LG und von den beiden Anarchos viele, viele Küsschen

Ehrerbietungen hier rein, bitte ;-)

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