Verlassene Flaschen # 5



Herbst. Verlassene Flaschen suchen sich eine Liegestatt am Wegesrand, lassen sich nieder, schnippen Kippen auf den Boden und rezitieren Rilke:

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Jeden Freitag zeige ich Fotos von verlassenen Flaschen. Außer an den Freitagen, an denen ich keine Fotos von verlassenen Flaschen zeige. Wer auch eine verlassene Flasche an einem Freitag zeigen möchte, kann seinen Beitrag gern hierher verlinken, damit ich spüre, nicht die Einzige zu sein, die verlassene Flaschen an einem Freitag zeigt.)

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18 Kommentare zu “Verlassene Flaschen # 5

  1. In diesem Jahr bin ich eher geneigt zu sagen:
    Herr, es wird Zeit, den Sommer lasse los,
    nimm deine Fluten von den Sonnenuhren
    und auf den Fluren mach es helle bloß.

    Befiehl den letzten Vögeln hier zu bleim,
    gib uns doch noch zwei südlichere Tage
    dränge uns Hitze auf und jage
    ein wenig Wärme in die alten Knochen rein.

    Wer kein Haus mehr hat, schwimmt in Booten nur daher
    wer jetzt durchnässt ist, wird es lange bleiben
    wird niesen, schnupfen, Testamente schreiben
    wird in den Kanälen hin und her
    wie die gefallnen Blätter ziellos treiben.

    (with apologies to Mr Rilke)

  2. Freitags bin ich immer in der Schwimmhalle, da ist nix mit verlassene Flaschen knipsen 🙂
    Liebe Grüße Heidi mit Isi

    • Aber da wird doch bestimmt irgendwo mal ein verlassenes Fläschchen in der Schwimmhallengegend liegen. Einfach mit Handy knipsen (mittelmäßige Fotoqualität ist quasi ein Markenzeichen dieser Blogaktion) und am nächsten Freitag vormittags veröffentlichen. 🙂
      LG und Schlabberküsschen von den nassen Wölfchen

  3. Das ist ziemlich brillant. Ich stelle mir das grad als Abituraufgabe vor. „Warum ist die Flasche verlassen? Und wieso, meinen Sie, rezitiert sie Rilke?“

    • 😀 😀
      Ja, ich bin auch dafür, die Abiturienten ein bisschen in den Wahnsinn zu treiben. 😈
      Normalerweise spreche ich mit den Flaschen und frage sie, wie es zu der Situation gekommen ist. Hier aber schien mir das frevelhaft. Sie war so versunken in der Rezitation des Gedichtes, und auch, als sie sich danach eine Zigarette ansteckte, war ihr Blick noch so versonnen, verloren in anderen Welten… Ich wollte sie nicht stören.

  4. Also solch einfühlsame Flaschen,die sogar Rilke rezitieren,haben wir noch nicht getroffen.Herrchen mag das Gedicht auch sehr,obwohl es ihn immer wieder melancholisch stimmt und er ja eigentlich diese kommende dunkle Jahreszeit gar nicht so mag.
    Liebes Wau Paula
    mit Schlabberküsschen für Nelly und von Bernadett soll ich Stupser an Socksi ausrichten

    • Liebe Paula,
      seit ein paar Jahren komme ich mit dieser dunkleren Jahreszeit auch nicht mehr so gut zurecht. Früher mochte ich Herbst und Winter gern. Vielleicht wird dieses Jahr das Wetter wenigstens etwas besser. Letztes Jahr war es ja nur eine regnerische Soße über Monate…
      LG und viele Küsschen und Stupser für Bernadett und Dich

Ehrerbietungen hier rein, bitte ;-)

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