Für meinen Vater (in memoriam)

Zu früh gestorben, um alles zu klären und zu verstehen. Als Kind hauptsächlich Angst vor den Wutausbrüchen des „Säufers“. Als Jugendliche angefangen zu verstehen, aber zwischen Abnabelungsprozess und Vermittlerin in der langwierigen Scheidungsangelegenheit pendelnd. Als junge Erwachsene damit beschäftigt, klarzukommen im Geflecht der Erwachsenen- und Berufswelt. Und dann war es zu spät.

Katrin

Keine Beileidsbekundungen nötig, das Ganze ist schon über 20 Jahre her.

Der Brief wurde von Dergl geschrieben, hier der Originalartikel.

Vom 11. bis 17. Februar 2018 ist Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien.

Das hier ist mein kleiner Beitrag dafür.

Ich bin zwar schon lange aus dem Kindesalter raus, diese Erfahrungen werden aber immer Teil meiner Lebensgeschichte sein.

Dieses Wochenende ging es ernster als gewohnt im Monsterblog zu, aber keine Angst (oder Hoffnung), das ist keine Trendwende, sondern passiert hier einfach manchmal.

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37 Kommentare zu „Für meinen Vater (in memoriam)

    1. Du auch? Wir sind viele…
      Ja, so etwas brennt sich ein. Leider. Man muss lernen, damit umzugehen, aber es prägt. Den einen mehr, den anderen weniger, aber keiner bleibt davon unberührt. Mein Bruder ist damit ganz anders umgegangen als ich, letztendlich war sein Weg aber auch nicht besser.

      1. Wir sind viele Millionen – und es werden nicht weniger. Ja, ich auch. Mein Vater nahm zuerst Alkohol und Zigaretten und später noch Schmerzmittel wegen seiner Bandscheibe – so richtig heftige … Er starb mit 72, dement – hat sein Hirn auch nicht geschont mit dem ganzen Zeug, das er nahm. Aber schon sein Vater war ein Alkoholiker – also stammt er auch aus „so einer Familie“ …

        1. Sich Verhaltensmuster abzugucken, kann schnell gehen. Mein Bruder hat einiges von meinem Vater übernommen.
          Der Vater meines Vaters war zwar kein Alkoholiker, aber ein sehr strenger Vater. In der Generation nichts Ungewöhnliches, ein Lehrer, dem der Rohrstock bestimmt nicht fremd war. Leider habe ich meinen Vater nach so etwas nie gefragt. Bei ihm war es ein kaputtes Herz. Mit 57 Jahren war es zu Ende.

  1. Das ist eine schöne Hommage. Es heißt nicht umsonst auch offiziell „Erwachsene Kinder“ in der Suchtarbeit, weil es eben immer Lebensgeschichtenteil sein wird.

      1. Verdrängen geht nicht, das was dann ungewollt weiter gegeben wird ist wie „trockener Alkoholismus“. In Selbsthilfegruppen kommen manchmal Leute, die zwei-drei Generationen keinen aktiven Trinker hatten, aber weil die Kinder der betroffenen Person sich nie mit sich und ihrer Geschichte auseinander gesetzt habeb oder auseinandersetzen konnten wurden die Verhaltensweisen und Einstellungen, die irgendwann im Zusammenleben mit einem nassen Trinker lebensrettend sein konnten unhinterfragt weitergereicht, obwohl sie in jedem anderen Kontext schädlich bis destruktiv sind.

  2. Wieder so ein ernstes Thema 😥
    Aber RICHTIG, man soll drüber reden.
    Da hatte ich ja vielleicht Glück, dass ich ohne Vater aufgewachsen bin.
    Allerdings war er ein NETTER, als ich ihn mit 38 Jahren kennen lernte. Es war, als würde ich ihn schon immer kennen. Alkohol trank er GAR nicht.
    Er war Fahrlehrer.
    Mitfühlende und verständnisvolle Grüße
    Heidi

    1. Ohne Vater ist ja auch nicht das Wahre, je nachdem.
      Als Fahrlehrer noch mal so vernünftig, keinen Alkohol zu trinken. Mein Bruder war auch beruflich aufs Auto angewiesen (erst Kurierfahrer, dann hat er den Marktleuten die Blumen zum Großmarkt gefahren), das hat ihn leider nicht davon abgehalten zu trinken. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob er an der Schwelle zum Alkoholiker war oder schon drüber.
      Bald wieder fröhliche Themen hier! Versprochen. Mir liegt das Thema halt am Herzen und ich finde es wichtig, dass verstanden wird, dass Süchte Krankheiten sind. Ob es was bringt, das in meinem Miniblog zu schreiben, weiß ich nicht, aber dann habe ich es zumindest versucht …
      Liebe Grüße von der Meute

      1. Oh ja, jede Sucht ist eine Krankheit, und eigentlich wissen das NUR DUMME Menschen nicht.
        Hier lesen doch gaaanz viele Leute…..
        Liebe Grüße Heidi

        1. Das Faszinierende ist ja, dass ich nur intelligente Leser habe (von den aktiv hier Kommentierenden ausgehend), faszinierend insofern, dass ich ja hauptsächlich Blödsinn schreibe. Jedenfalls brauche ich es meiner Leserschaft nicht näherzubringen, die weiß das, aber manchmal verirren sich ja auch Suchende, die von Dr. Google hierhergeschickt werden.

  3. Es tut mir leid, dass Du keine unbeschwerte Kindheit hattest. Jeder hat diese verdient.

    Auch ich hatte keinen Vater, den ich irgendeinem Menschen gönnen würde. Nein, meine Kindheit war nicht rosig. Und meine Mutter ist so, wie ich es nicht sein möchte. Sei es drum.
    Ich habe es zum Glück gut überstanden, konnte mich distanzieren und bin meinen Weg gegangen.

    Ich wünsche Dir alles Gute und finde Deinen Beitrag wohltuend für alle, die betroffen sind.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    1. Ja, jedes Kind sollte eine liebevolle Kindheit haben, das wäre schön.

      Du gehörst also auch zu dem Club mit schwieriger Kindheit. Es ist schon ein Elend; wenn man es aber schafft, seinen Weg zu gehen, ist man vermutlich ein sehr starker Mensch.

      Ja, ich hoffe, es hilft den Betroffenen und auch den Eltern, wenn man zeigt, dass man etwas verstanden hat.

      Viele liebe Grüße von der Meute

  4. Mein Mann und seine Schwester haben da auch einiges mitgemacht. Als ich meinen Schwiegervater kennengelernt habe, wurde er schon so langsam altersmilde und ich habe ihn hauptsächlich als einen smarten, charmanten Urbayern in Erinnerung. Hauptsächlich.
    Es sind nicht unbedingt die schlechtesten Menschen, die das Trinken anfangen.
    LG Sabienes

    1. Fühl Dich gedrückt.
      Mir ist aufgefallen,dass die Menschen, mit denen ich befreundet bin bzw. sehr persönlichen Austausch pflege, oft einen ähnlichen Hintergrund haben, diese Brüche im Leben, es muss nicht immer ein süchtiger Elternteil sein, es gibt ja auch andere Ursachen für schwierige Lebensumstände in der Kindheit…

      Ich habe eine Kollegin, eine ganz liebe, hilfsbereite Frau, immer fröhlich, ich mag sie. Aber ich kann nicht allzu lange mit ihr an einem Tisch sitzen und mich unterhalten, denn diese heile Welt — ich dreh irgendwann ab, Mami, Papi, dann war ich bei meiner Omi und habe Grünkohl gegessen und dann war ich mit meiner kleinen Schwester auf dem Dom und dann … Das geht stundenlang so. Ja, man kann mit ihr auch ein bisschen über andere Themen reden, und auch sie ist schon mit schlimmen Dingen konfrontiert worden, aber sie hat diese Stärke in sich, die sie wohl in ihrer Kindheit durch das Geborgene und das Rückenstärken durch die Eltern mitbekommen hat.

      Wir haben eine Zeitlang jeden Tag die Mittagspause zusammen verbracht. Ja, es wurde mir zu viel. Ja, ich wurde irgendwann neidisch. Von einer anderen Kollegin, auch mit einer etwas komplizierteren Vergangenheit „gesegnet“, weiß ich, dass es ihr ähnlich geht.

      1. Kann ich vestehen. Wir hatten in der Tagesklinik auch Leute, die so richtig ein Herz und eine Seele waren mit ihren Eltern – die waren dann völlig entsetzt, wenn ich erzählt habe, was bei uns so an der Tagesordnung war. Und welche Meinung meine Mutter über mich hatte.

        1. Ja, einige können sich so was glaube ich gar nicht vorstellen. Ist ja auch deprimierend. Ich kann zumindest sagen, dass ich ein sehr gutes Verhältnis mit meiner Mutter habe. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich als Kind vernachlässigt wurde. Eine klassische Grauzonengeschichte.

  5. Mein Mitgefühl geht an alle die unter solchen und anderen Umständen leiden mussten. Glücklicherweise ist dieser Kelch an meinem Bruder und mir vorbei gegangen.

  6. Kenne aus meiner Familie zumindest im weitesten Radius von Verwandtschaft mit denen ich bekannt bin tatsächlich kaum Fälle von Sucht. Ein Cousin hat viel PC gespielt, aber mehr dass sich die Eltern gesorgt hätten, als dass es schon ein Problem gewesen wäre, denke ich. Das ist glücklich, schirmt einen schon sehr ab, aber auch vom Verständnis her, denke ich.

    Wirklich schwer war jetzt meine Kindheit nicht, nicht wie bei anderen Leuten die ich kenne. Auch nicht so, dass alles heiter Sonnenschein wär, nicht, dass ich das Gefühl hätte, alles schon verarbeitet zu haben.
    Aber so, dass es sich falsch anfühlt, sich mit deinen Erlebnissen zu identifizieren, davon versteh ich wirklich zu wenig.

    Die heitere Kollegin die immer Nettes erzählen kann hat bei mir jetzt das Bild einer meiner Mitschülerinnen heraufbeschworen. Der geht es auch nicht immer gut, aber sie ist scheinbar immer in der Lage drüber zu reden wie es ihr gerade geht, so frei heraus, ohne sich zu verklemmen. Eigentlich wünsche ich mir, mehr so sein zu können, statt immer um den heißen Brei rumzureden.

    1. Die komplett unbeschwerte Kindheit gibt es glaube ich nicht, auch nicht die perfekten Eltern. Aber wenn sie vieles richtig machen und dem Kind so ein Grundvertrauen in seine Stärken mitgeben, dann ist schon viel gewonnen.

      Das Leben ist ja eh oft nicht eitel Sonnenschein, aber wenn man aus der Kindheit schon einen „Knacks“ mitbekommen hat, viel an sich zweifelt, dann ist es halt alles noch schwerer zu bewältigen, man muss sich dann die Wege suchen und das irgendwie auch für sich aufarbeiten, evtl. mit professioneller Hilfe…

      Ja, vielleicht ist es einfacher, immer offen über sein Befinden zu reden. Mir ist das auch eher fremd. Ich mache zwar kein Geheimnis um meine Depression, aber das ist eher Sturheit, ich habe keine Lust, damit hinterm Berg zu halten, man lernt so auch ziemlich gut, wie die lieben Mitmenschen „ticken“.

  7. Mein Vater ist inzwischen hoch dement und säuft nicht mehr…weil ihm niemand mehr was gibt (gemeines hihi). Nun ja, eine Aussprache war nie möglich, seine Anerkennung hab ich nie bekommen, bin ja eh nur ein Mädchen. Und er hat – ob nun verdient oder nicht- ein altes Mädchen gefunden, was ihn jetzt pflegt, denn meine Mutter hat dann doch noch die Kurve gekriegt, ich sage mal, besser spät als nie, aber ich musste das Theater meine gesamte Kindheit mitmachen. Aber ein Trost: sollte die Demenz am Ende die Grundeigenschaften eines Menschen zum Vorschein bringen, dann war im Schatten des (nicht gewalttätigen) Säufers eine sehr friedliche Seele versteckt. Scheiß Alkohol!

    1. Demenz ist für die Angehörigen ja auch ein hartes Brot. Habe es bei meiner Oma mütterlicherseits mitbekommen, wie sie immer „tüdeliger“ wurde (wie man hier auf dem Dorf so zu sagen pflegte).
      Ich glaub, mein Vater war an sich auch ein friedlicher, sensibler Mensch. Aber durch den Alkohol musste sich alles immer um ihn drehen. Ich sach mal scheiß Alkoholsucht. Alkohol als solches darf ich nicht verfluchen, dazu trinke ich zu gern mal einen Caipi. 🙂

  8. Viel zu spät im vollgemüllten Mailfach gefunden. Wollte aber ganz dringend Danke fürs Teilen des Briefes und deiner Erfahrung sagen. Das schreit ausnahmsweise nach Scheißherzchen ❤ ❤ ❤

Ehrerbietungen hier rein, bitte ;-)

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